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Earl’s Escape - Tagebuch traumatisierter Wesen

"Tagebuch traumatisierter Wesen“ ist der philosophische Raum innerhalb von Earl’s Escape – Die Hoheiten des Unmuts und betrachtet seelische Bruchstellen.


„Kein Wesen ist so wechselhaft und widersprüchlich wie der Mensch; gerade in seinen Widersprüchen zeigt sich, wie zerbrechlich er ist.“ 

-Michel de Montaigne


Was Lady Moirer seziert, setzt Ms. Fractura als philosophischen Text wieder zusammen. Im „Tagebuch traumatisierter Wesen“ werden diese Bruchstücke festgehalten – als leise Erinnerung daran, wie verletzlich wir wirklich sind.

Laterne der Schattenwelt

Ich brannte nicht für die Wege der anderen.

Doch sie kamen mit kalten Herzen
und hielten ihre Nächte über mein Licht.

Sie hielten den Schein für ein Versprechen,
die Wärme für Einverständnis,
mein Schweigen für eine Tür,
die niemals ins Schloss fiel.

So fütterten sie die Flamme mit ihrer Angst,
mit den Dämonen, die unter ihren Rippen schliefen,
mit allem, was sie selbst nicht ansehen wollten.

Und das Licht wurde nicht heller.

Es senkte sich tiefer in das matte Glas,
als hätte die Nacht ihre Dunkelheit darübergelegt.

Es roch nach Wachs, nach nassen Mänteln,
nach Erde, die lange kein Morgen mehr berührt hatte.

Da verstand ich: Nicht jede Dunkelheit sucht Erlösung.

Manche sucht nur eine Flamme,
an der sie ihre Hände wärmt, während sie dir
die eigene Kälte ins Herz legt.

Ich nahm die Laterne aus ihren Händen.

Nicht zornig, nicht egoistisch, nur müde
von Gespenstern, die ihren Namen kannten,
doch mir verschwiegen.

Dann ging ich hinab in die Schattenwelt.

Dort warteten meine eigenen Dämonen —
nicht zahm, nicht schön, aber ehrlich.

Sie verlangten kein Licht. Sie verlangten nur,
dass ich nicht länger vor ihnen floh.

©2026 Earl’s Escape – Tagebuch traumatisierter Wesen

Nähe im fremden Element - Warum zwei Naturen sich finden können und doch nicht gemeinsam atmen

"Ein Vogel stürzt in die Tiefe, dorthin, wo er nicht hingehört. Er taucht ins Wasser, um den Fisch zu berühren – und riskiert dabei den Verlust seiner eigenen Welt. Dieses Bild erzählt von Begegnungen zwischen Wesen, deren Heimaträume einander ausschließen: Die Freiheit der Luft und die Sicherheit der Tiefe sind nicht gleichzeitig zu haben. Es steht für jene Verhältnisse, in denen Nähe nur möglich scheint, wenn einer seine Natur verrät – und damit sichtbar wird, wie schmal der Grat ist zwischen Liebe und Selbstauflösung."

Niemand kommt unversehrt an

Der Andere ist ein Problem

"Einander kennenlernen, heißt lernen, wie fremd man einander ist." – Christian Morgenstern


Keine Begegnung bleibt folgenlos, und ehrlich gesagt wäre es auch enttäuschend, wenn sie es täte. Wer sich einem anderen öffnet, tritt aus diesem Moment nie mehr so heraus, wie er hineingegangen ist – man nimmt etwas mit, ob man will oder nicht, ganz wie bei jedem schlecht durchdachten Souvenir, das man im Nachhinein weder zurückgeben noch wirklich loswerden kann.
Jedes Kennenlernen trägt von Anfang an einen kleinen Widerspruch in sich: den Schritt nach vorn, dem im selben Moment ein Zögern auf dem Fuß folgt. Man könnte es Vorsicht nennen. Man könnte es auch schlicht Respekt nennen – vor der Macht, die man einem Fremden über sich selbst verleiht, sobald man ihn eintreten lässt.
Kierkegaard kannte die schmale Schwelle, an der der Zweifel in Verzweiflung übergeht – einen Übergang, der sich nicht ankündigt, sondern sich einschleicht wie eine Erkältung, die man erst bemerkt, wenn sie längst da ist. Und doch fand er eine Grenze zwischen beiden, so dünn wie eine Schicht Rauhreif auf dem Fenster: Wer zweifelt, hat sich noch nicht entschieden. Wer verzweifelt, hat sich bereits gegen sich selbst gewandt. Zwischen diesen beiden Zuständen zu wandeln, ohne genau zu wissen, welcher gerade die Oberhand gewinnt, ist keine Störung des Fühlens. Es ist das Fühlen selbst, in seiner ältesten, unbequemsten und übellaunigsten Form – jener Verwandte, den niemand einlädt und der trotzdem immer zur Tür findet.
Sartre betrachtete dasselbe Ringen von außen, mit kälterem, fast amüsiertem Blick. Der andere Mensch, schrieb er, ist zuerst ein Problem – eine Höflichkeit, die man sich in Paris offenbar leisten konnte –, denn sein Blick verwandelt uns, noch bevor ein Wort gefallen ist, in etwas, das er ansieht, bemisst, festhält wie einen Skorpion im Bernstein, für alle Zeit erstarrt in der Geste seines letzten Stichs. Ein zweifelhaftes Kompliment für jeden, der sich gerade zum ersten Mal verliebt. Und doch kennt auch er den selteneren Zustand, in dem zwei Menschen nicht mehr Blick und Objekt sind, sondern beide gleichzeitig frei bleiben, ohne einander dafür zu bannen. Innen der Zweifel, außen der Blick – zwei Spielarten desselben Ringens, keine besser als die andere.
Wer dieses Ringen kennt, kennt auch seine Erschöpfung: das endlose, nächtliche Abklopfen eines Gefühls, das sich nie ganz beruhigen will, weil jede Gewissheit nur eine Verabredung auf Zeit ist – ein Licht, das jederzeit erlöschen kann, meist genau dann, wenn man geglaubt hatte, es brenne nun endlich für immer. Und doch, gerade in diesem Ausgeliefertsein, zeigt sich, was Nähe eigentlich bedeutet: Gesehen werden können wir nur, wenn wir bereit sind, uns dem Blick des anderen auszusetzen – ohne je die Zusage zu erhalten, dass es gut ausgeht.
Das ist die stille, unbequeme Lehre hinter beiden Philosophien: Niemand kommt unversehrt an. Manche Begegnungen hinterlassen eine Narbe, andere einen Halt – oft weiß man erst im Nachhinein, welche von beiden es war.
Das ist die Wahrheit hinter jedem geflüsterten „Wir kennen uns doch gar nicht“: nicht Ablehnung, sondern die uralte Angst des Herzens, sich im Spiegel eines anderen zu verlieren – und die leise, fast verzweifelte Hoffnung, dort trotzdem gehalten zu werden.


"Vorsicht und Mißtrauen sind gute Dinge, nur sind auch ihnen gegenüber Vorsicht und Mißtrauen nötig." – Christian Morgenstern

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