

O Leser, wie oft erstaunt es mich, wenn ich in den Blättern der Vorzeit wandle und entdecke, wie wenig sich das menschliche Herz und Gemüt im Laufe der Jahrhunderte gewandelt haben. Die Feder, geführt von Männern und Frauen voll Geist und Scharfsinn, vermag Wahrheiten zu künden, die, obgleich vor zweihundert Jahren zu Pergament gebracht, noch heute in unser Ohr hallen, als wären sie erst gestern gedacht worden.
Welch sonderbare Trauer und zugleich Wonne liegt darin, zu erkennen, dass der Mensch, so sehr er sich auch bemüht, dem Irrtum, der Eitelkeit und der Sehnsucht nach süßem Trug stets aufs Neue verfällt. Der treffliche Lichtenberg sprach: „Vom Wahrsagen lässt sich wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen.“ Und siehe, auch im heutigen Jahr, da die Uhren anders schlagen und die Kutschen zu Fahrzeugen geworden sind, die mit Lichtgeschwindigkeit Botschaften tragen, gilt dieses Wort unverändert fort.
So sei es denn Pflicht und Lust des Schreibenden, mit spitzer Feder und wachem Geist die Torheiten der Gegenwart zu spiegeln und zu mahnen, dass die Wahrheit – ob beliebt oder verschmäht – stets ihr Recht behält. Denn was sind wir anderes als wandernde Schatten, die, vom Licht der Erkenntnis berührt, einen Augenblick lang sichtbar werden auf dem Gewebe der Zeit?
„Zitat: Georg Christoph Lichtenberg (Sudelbuch J 787, 1789–1794).“
