




Manch gutes Buch lockt uns mit klugen Fragen und dem Versprechen neuer Welten. Wir schlagen es auf, lesen ein paar Zeilen – und würden ihm gern weiter folgen. Doch dann spricht der Preis sein Machtwort, und wir legen es schweren Herzens aus der Hand.
Nicht jedes Buch jedoch verlangt nach Münzen. Es gibt Werke, deren digitale Seiten uns offenstehen, ohne dass wir dafür den ohnehin schmalen Beutel leeren müssen.
Solche Schätze möchte ich hier regelmäßig mit euch teilen: Bücher mit Geist, Eigensinn und einem wachen Blick auf unser menschliches Treiben. Ich werde euch erzählen, was mich an ihnen reizt, und euch den Weg zur frei zugänglichen Ausgabe weisen.
Tretet also näher, stöbert, lest. Vielleicht wartet zwischen diesen Seiten ein Gedanke, der euch fortan begleitet.
Hier findet ihr die ersten beiden Buchempfehlungen mit Links zur kostenlosen digitalen Ausgabe. Weitere Entdeckungen kommen nach und nach hinzu – schaut also gern wieder vorbei.
Yvonne Wübben: Verrückte Sprache
Über Literatur, psychiatrische Diagnosen und die Macht, Sprache als Zeichen von Krankheit zu deuten.
https://www.wallstein-verlag.de/9783835390232-verrueckte-sprache.html
Roman Widder: Pöbel, Poet und Publikum
Über arbeitende Armut, gesellschaftliche Ausgrenzung und ihre Darstellung in der Literatur der Frühen Neuzeit.
https://www.wallstein-verlag.de/9783835391161-poebel-poet-und-publikum.html
Downloadhinweis: Bei diesen beiden Büchern sucht ihr nicht nach „EPUB“, sondern nach dem etwas versteckten Link „zur Open-Access-Version“ unterhalb der Preis- und Lieferangaben: Die kostenlosen Ausgaben gibt es als PDF.
Denn die Liebe zur Literatur soll nicht mit dem Inhalt des Geldbeutels enden.

„Im Menschenleben gibt es eine Flut, die, recht genutzt, zum Glück führt; versäumt man sie, bleibt die ganze Lebensfahrt an Untiefen und Elend gebunden.“
— William Shakespeare, Julius Caesar, 4. Akt, 3. Szene; frei aus dem Englischen übersetzt.
Wie rasch der Mensch das Schicksal vor Gericht zitiert, wenn er die eigene Stunde hat verstreichen lassen. Da steht er vor der Tür, durch die er gestern hätte gehen können, und verlangt zu wissen, wer sie schloss. Dass sie ihm offenstand, führt er als Beweis des Unrechts an: Was einmal möglich war, so meint er, müsse möglich bleiben, bis er sich endlich zu entscheiden weiß.
Er hatte Gründe für sein Zögern. Wer hätte die nicht? Der Mut war noch nicht eingetroffen, die Umstände erschienen unpassend, und unter seinen Freunden fand sich keiner, der ihm mit hinreichender Überzeugung zu dem riet, was er sich selbst nicht zuzutrauen wagte. So hielt er seinen Wunsch in Ehren und bewahrte ihn sorgfältig vor der Tat.
Nun aber, da die Tür geschlossen ist, zeigt er eine Entschlossenheit, die man ihm gestern kaum zugetraut hätte. Für einen Schritt durch die offene Tür war sie zu schwach; für die Anklage gegen die halbe Welt ist sie stark genug. Ohne Zögern nennt er die Schuldigen; kein Zweifel trübt sein Urteil, sobald es andere trifft. Man hätte ihn ermutigen müssen, rufen, führen – und selbstverständlich erkennen, wann er geführt werden wollte und wann dies eine unerträgliche Einmischung gewesen wäre.
Niemand habe erkannt, was aus ihm hätte werden können. Niemand habe zur rechten Stunde das rechte Wort gesprochen. Wie genau er nun die Pflichten seiner Mitmenschen kennt. Jeder hätte handeln müssen, jeder trage Verantwortung. Nur für ihn selbst sei die Lage damals zu schwierig gewesen.
So wird die verpasste Chance zum Unrecht, das ihm widerfuhr. Die Tür, die gestern noch eine Entscheidung von ihm verlangte, schuldet ihm heute eine Erklärung.

Mit „Fragen für Zweifelhelden“ beginnt bei Odium – Context eine wöchentliche Reihe zum Nachdenken und Schreiben. Jeden Donnerstag erscheint ein kostenloser Reflexionsbogen zu einem psychologischen Alltagsthema.
Im Mittelpunkt stehen Situationen, Gedanken und Verhaltensweisen aus dem Alltag der Leserinnen und Leser. Die Schreibaufgaben regen dazu an, eine konkrete Situation zu beschreiben, Gedanken und Gefühle genauer zu betrachten und daraus einen nächsten Schritt für den Alltag zu entwickeln.
Jede Ausgabe verbindet einen einführenden Text mit drei aufeinander aufbauenden Fragen, einem durchgehenden Beispiel und konkreten Schreibaufgaben. Sprachliche Vorkenntnisse sind dafür nicht nötig. Die Bögen sind für die persönliche Bearbeitung gedacht – im eigenen Tempo und mit Raum für spätere Ergänzungen.
Die erste Ausgabe: „Was den Anfang schwer macht“
„Ich müsste längst …“ Mitunter genügt dieser Satz, und aus einer unerledigten Sache wird eine Anklage gegen die eigene Person. Die Frage, was den Anfang eigentlich schwer macht, geht dabei unter.
Der erste Reflexionsbogen beschäftigt sich deshalb mit dem Aufschieben: Was steht dem Anfang entgegen? Was nimmt das Vertagen für den Augenblick ab? Und was müsste sich ändern, damit ein erster Schritt möglich wird?
Die Reflexionsbögen stehen auf der Unterseite „Zweifelhelden“ zum Herunterladen bereit.
→ Zur ersten Ausgabe „Was den Anfang schwer macht“
https://odium-context.online/zweifelhelden


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