„Eine Sammlung von Texten über die Kunst, sich eine zweite Wirklichkeit einzurichten – und über den Moment, in dem aus harmloser Imagination eine Ersatzrealität wird, der man mehr gehorcht als sich selbst.“

„Believe nothing you hear, and only one half that you see.“
Edgar Allan Poe
Ein Satz, der ausreichen könnte – wenn man ihn ernst nähme. Stattdessen lässt sich beobachten, wie sich erwachsene Menschen im Internet zu spirituellen Autoritäten erklären, während sich darunter ein Publikum versammelt, das groß genug ist, um den Eindruck von Wahrheit zu erzeugen.
Man möchte ihnen beinahe gratulieren – nicht zur Erleuchtung, sondern zur gelungenen Flucht aus der Realität.
Denn selbstverständlich existiert keine dieser Instanzen außerhalb der Inszenierung.
So wenig, wie es Menschen gibt, die mehr beherrschen als günstig gesetztes Licht, einstudierte Gesten und ein Repertoire an Andeutungen, das gerade präzise genug ist, um als Tiefe missverstanden zu werden.
Was es hingegen gibt, ist ein wachsender Markt für Ersatzwirklichkeiten – bevölkert von Menschen, die bereit sind, Metaphern wörtlich zu nehmen, solange sie sich dabei weniger verloren fühlen.
Die Illusion funktioniert dabei nicht im Alleingang, sondern in einer stillen Übereinkunft: Die einen liefern Bedeutung, die anderen sind dankbar, sie nicht prüfen zu müssen.
Fantasiewelten sind zunächst nichts Verwerfliches, sondern eine zivilisierte Technik der inneren Entlastung. Ein übererregter Geist darf sich dort für eine Weile zurückziehen, seine Konflikte in Symbole überführen und das Unsortierte in halbwegs erträgliche Bilder übersetzen, ohne jedes Mal das Inventar der Realität umzuräumen. In diesem Sinn ist Imagination eine Art eingerichteter Nebenraum des Bewusstseins: Man weiß, dass er nicht die eigentliche Wohnung ist, aber man ist dankbar, dass es ihn gibt.
Problematisch wird es in dem Moment, in dem dieser Nebenraum zur Hauptadresse erklärt wird. Wenn die Fantasie nicht mehr als Konstruktion, sondern als „eigentlichere“ Wirklichkeit verstanden wird, auf deren Bühne angeblich beschlossen wird, was im Leben zu geschehen hat. Dann verschiebt sich die Funktion: Aus einem Schutzraum für den Geist wird eine Ausweichregierung über das eigene Leben. Entscheidungen werden nicht mehr auf der Grundlage von Umständen getroffen, sondern auf der Grundlage von Deutungen, die man selbst zuvor in eine Kartenlegung, ein Zeichen oder eine „Botschaft“ hineinprojiziert hat. An dieser Stelle kippt das Erholsame ins Gefährliche – dort, wo die Imagination nicht mehr Spiel bleibt, sondern zur Autorität ernannt wird, der man sich lieber beugt, als sich der Zumutung der Realität zu stellen.
Man darf dabei nicht unterschlagen, dass diese Figuren nicht nur trösten, sondern herrschen. Ihre Gefolgschaft besteht aus Menschen, die ihnen eine Art inneres Stimmrecht eingeräumt haben: Was der „Kanal“ sagt, fühlt sich richtiger an als die eigene Wahrnehmung. Psychologisch kann man das als parasoziale Bindung katalogisieren, aber im Grunde ist es ein sehr alter Mechanismus: Wer sich geschickt als unfehlbare Instanz inszeniert, darf in fremden Köpfen mitregieren – und dort ganz nebenbei einen Markt eröffnen –, ohne sich je dem lästigen Aufwand realer Verantwortung aussetzen zu müssen. Die eigentliche Leistung dieser Gestalten besteht also weniger darin, „Energie zu halten“, als darin, ein Publikum zu finden, das bereit ist, seine Urteilsfähigkeit an der Kommentarfunktion abzugeben.
Die moderne Variante des Orakels tritt nicht mehr im Tempel auf, sondern im Hochformat.
Sie sprechen viel, oft eindringlich, nicht selten mit großer Geste – und vermeiden doch jede Festlegung, die überprüfbar wäre.
Ihre Aussagen sind so gebaut, dass sie auf möglichst viele zutreffen und sich im Nachhinein stets passend machen lassen.
Gerade diese Elastizität verleiht ihnen ihre eigentümliche Autorität: Was sich jeder Situation anpasst, entzieht sich auch jeder Widerlegung.
So entsteht eine merkwürdige Konstellation:
Jemand inszeniert Bedeutung – und anderswo wird sie als solche anerkannt.
Nicht, weil sie vorhanden wäre, sondern weil genügend Menschen bereit sind, sie hineinzulesen.
Man könnte das harmlos nennen.
Man könnte es als Zeitvertreib verbuchen, als digitale Folklore, als ästhetisch zweifelhafte Form der Selbstinszenierung.
Oder man nennt es bei seinem Namen:
eine Form von psychischer Labilität, die sich nicht mehr als solche erkennt, sondern als „Spiritualität“ tarnt.
Nicht jeder, der sich davon angesprochen fühlt, ist krank.
Aber jeder, der beginnt, diese Inszenierungen für mehr zu halten als das, was sie sind, hat den Boden unter den Füßen zumindest gelockert.
Und vielleicht ist genau das das eigentliche Problem:
Nicht die Existenz dieser Figuren – die gab es immer –, sondern die stille, kollektive Bereitschaft, ihnen zu glauben.
„Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.“
— Gustave Le Bon